Die Aufgabe der Kunst besteht darin, Türen zu öffnen, wo sie keiner sieht – so der österreichische Künstler und Kunsttheoretiker Peter Weibel. Das schafft nicht jeder; die Malerin Monika Schleichert-Roloff schafft es. Sie stößt Türen auf, von denen bisher keiner wusste. Hinter diesen Türen werden Geschichten vom beschädigten Leben, von beschädigten Welten erzählt. Sehr heutige Geschichten – mit doppelten oder dreifachen Böden, mit Rissen und Schründen, für den Betrachter häufig erst auf den zweiten Blick zu erkennen. Und dies in vollständig unspektakulärer, fast altmodischer Manier figurativer Malerei.

Schleichert-Roloff ist eine listige Künstlerin. Immer wieder präsentiert sie den fremdem Augen beinahe kommentarlos die Inszenierungen unserer Moderne, aber auch den brüchigen Grund, auf dem wir stehen und das im Ungewissen glitzernde Morgen. Sie führt uns lächelnd in die Irre und sagt dann mit Brecht: Glotzt nicht so romantisch.

Da lauern in den harmlosen Gesichtern von Stiefmütterchen die strengen Augen des Todes – ja, sehen Sie nur genau hin – , da hockt ein vielfarbiger Hund auf einer griechischen Säule, da bestaunen alternde Mädchen in ihren Kleinstadtuniformen – Hut, Pulli, Rock und Täschchen – die Betonwüsten unserer Städte. Wir sehen sie lediglich von hinten; eine bemerkenswerte Variante von Caspar David Friedrichs berühmten Meeresbildern. Späte Mädchen, die einen Kommentar zu diesen monströsen Straßenschluchten nicht mehr abgeben wollen, sondern ebenso erstarrt sind wie der Beton unter ihnen. Wie geht sie weiter, ihre Geschichte?

Wir können es nur ahnen. Sie werden den Aufzug nehmen und zu Hause mit einiger Aufregung berichten, dass New York / London / Paris / Berlin ein Wunder sei und tief in ihrem Inneren werden sie es niemals glauben.

Und um die geradezu gnadenlosen Porträts nicht zu vernachlässigen: Verlorener oder hintergründiger wird man kaum lächeln können; Gesichter mit eingeschriebener Vergangenheit, aber verhangener Zukunft. Der grübelnde Blick muss lange verweilen, um all das zu erkunden.

Mit leichter Hand nutzt die Malerin die einzigartige Möglichkeit, die Dimension der Zeit in manche ihrer Bilder einzufügen, oder auch Simultaneität herzustellen – Möglichkeiten, von denen schreibende Geschichtenerzähler, an das harte Bett der Sukzessivität geschmiedet, nur träumen können.

Aufklärung braucht Verzauberung, wie der bekannte Regisseur Luc Bondi gerne sagte und in seinen eigenen Regiearbeiten erfolgreich praktizierte. Monika Schleichert-Roloff klärt uns über unser Leben auf, weil sie die Verletzlichkeit lebendigen Seins begreift und sich den Gefährdungen unserer Welt nicht entziehen will, aber trotzdem mit ihren Bildern verzaubert.

Barbara Zoeke

(Text aus dem Katalog)

 

© 2016, Monika Schleichert-Roloff

Gestaltung: Andreas Tobias und Monika Schleichert-Roloff

Fotos: Andreas Tobias

Lithographie und Herstellung: Jan Scheffler, print professionals

Gedicht: Thomas Kling, Heimatgedicht (Persil) in Brennstabm, Gedichte, Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main, 1991, S.41

Text: Dr. Barbara Zoeke, Autorin, Berlin 2016

Der Titel „Zugeschattet“ ist dem Gedicht „Knirsch!“ von Th. Kling 1991 S.53 entnommen.

Papier: MultiArt Matt, 170 g/qm

Schriften: Graublau Sans & fita

Druck und Buchbinderei: DZA Druckerei zu Altenburg GmbH

Erste Auflage, Exemplare 1 – 200

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