Obwohl wir sie nur kurz mit dem Blick gestreift haben: Es gibt sie, diese Menschen, die sich aus unerklärlichen Gründen ins Gedächtnis einprägen, in der U-Bahn, im Supermarkt, am Flughafen – warum können wir die einen nicht vergessen, während wir viele andere übersehen? Nicht Schönheit oder körperliche Größe, vielmehr abgebrochene Bewegungen und Farbflecken sind es, die haften bleiben. Und wenn sie nebeneinander stehen würden? Ein kurioses Ensemble der Königinnen und Könige unserer zufälligen Wahrnehmung.

Tatiana Nekrasovs Portraits erscheinen als stille, vereinzelte Reisende. Kämen sie in der Stadt auf einem Platz zusammen, würden sich ihre Blicke vielleicht kreuzen, vielleicht aber auch verfehlen. Dennoch verbindet dieses Ensemble die Schrägheit einer unfreiwilligen Schicksalsgemeinschaft. Ist das echte Verletzlichkeit oder Starallüre, lässt sich bei jedem Einzelnen fragen. Auch wenn sie leuchten, drohen diese Passanten, im nächsten Moment in den undefinierten Bildhintergrund hinabzustürzen. Wenn wir die Augen schließen, bleiben ihr Haltungen – es bleiben Lippen, Brauen, Schulterbewegungen oder Haarbüschel.

Der eher grobe und trockene Farbauftrag macht die Bildoberfläche zum Stimmungsträger, die Feinheit des emotionalen Ausdruck überrascht so sehr, weil sie beiläufig erscheint. Die Trauer, Enttäuschung, die Furcht und leichte Ironie treten als plötzliche farbliche Verdichtungen aus den Bildern hervor. Die Bekleidung dieses Ensembles erscheint als Kostüm und Teil der Persönlichkeit, verstärkt so die Theatralität, weist uns darauf hin, dass wir Zuschauer sind. Woher aber kennen wir diese Personen?

Sie sind Königinnen und Könige, die kein Königreich besitzen, die nicht andere beherrschen, die ihre Haltung im Schwebezustand bewahren. Vielleicht wissen sie nicht einmal voneinander. Sie wirken verletzlich und dennoch kraftvoll, als würde ihre Exzentrik erst durch unseren neugierigen Blick erzeugt. Sie tragen das Versprechen der Leinwände, wir alle können Königinnen und Könige sein. Es muss uns nur gelingen, uns wie sie zu halten, zwischen dem Abgrund im Rücken und den Blicken der anderen.

Text zur Ausstellung von Ilja Winther 

 

Tatiana Nekrasov verbrachte in ihrer frühen Kindheit einige Zeit in St. Petersburg und London. Sie studierte Philosophie an der Humboldt Universität Berlin und Schauspiel am Europäischen Theaterinstitut. Seit 2010 arbeitet sie freischaffend als Sprecherin und Schauspielerin für Bühne und TV. 2014 erhielt sie ein Stipendium am renommierten New Yorker Susan Batson Studio und blieb zwei Jahre dort.

Seit 2015 hat sie sich verstärkt der Malerei gewidmet. Daraufhin entstand eine Zusammenarbeit mit der Performance-Künstlerin BALA in London. 2017 präsentierte HoTo Berlin Nekrasov zum ersten Mal in der Gruppenaustellung „fierce cranberry taarof“ in Berlin. Tatiana Nekrasov lebt mit ihren 2 Söhnen in Berlin.

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